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MATERIALIEN
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Transparente Poesie


Diese Werke fallen auf: Durch Witz und Charme und spielerische Leichtigkeit. Es ist, als setze die Technik der Weberei keine Grenzen. Zwar enthalten die Objekte Licht und Durchblick, doch sind sie weder zart noch duftig. Es sind textile Gedichte und Geschichten, und durch die Transparenz erfahren wir, was zwischen den Zeilen steht.
Seit ich mit Weben begann, beschäftigte ich mich immer wieder mit denselben Fragen: Wie zeigt man die Beschaffenheit eines Stoffes, seine Mehrschichtigkeit, seine Idee, seinen „Inhalt“? Wie macht man Unsichtbares sichtbar? Welchen Einfluss hat das Licht? Was kann es verändern?
Als erste transparente Stoffe entstanden weisse Baumwollvorhänge. Für eine weitere Version bemalte ich die helle Kette teilweise mit roter Farbe, als Schuss dienten weisses Baumwollgarn und Kupferdraht. Entgegen meinen Erwartungen erschienen die roten, dunkleren Partien im Gewebe transparenter als die rein weissen. Licht und Schatten hatten sich als Gestaltungsmittel eingeschlichen und beeinflussten den Stoff auf ihre eigenwillige Art.
Gewöhnlich wird die Transparenz durch die Kett- und Schussdichte erzielt, also eigentlich die losen Zwischenräume. Das Webmaterial spielt eine untergeordnete Rolle. Ich entdeckte eine andere Methode: Als ich die Kunstfaser Nylon fand, die an sich schon durchsichtig ist und auch das Licht wunderbar reflektiert, wurde diese zu meinem bevorzugten Webmaterial.
Eine Reihe von „Wandarbeiten“ spielen mit dem Wechsel von transparenten und dichteren Flächen. Fäden lösen sich aus der strengen Ordnung von senkrecht und waagrecht, bewegen sich frei und werden wieder eingefangen. Das schillernde Nylongewebe erlaubt je nach Betrachtungswinkel und Lichteinfall einen sich verändernden Durchblick auf die dahinter liegenden Gewebeschichten, Fäden und Wandpartien.
Den grossen Einfluss des Hintergrundes erfuhr erfuhr ich nach meinem Wohnungswechsel 2007. Als ich die „Wandarbeiten“ auf der glatten weissen Gipswand der neuen Wohnung aufhing, erschienen die Bilder ganz anders als vorher im alten Bauernhaus auf dem groben Abrieb. Dass man den Einfluss von Hintergrund und Schattenwurf nur teilweise planen kann, ist eine faszinierende Herausforderung, die immer wieder zu neuen Werken anspornt.

Halt im Raum
Jedes Mal, wenn ich meine Ware vom Webstuhl nehme, bin ich erst einmal enttäuscht. Ich hänge das Gewebe irgendwo auf und warte. Vielleicht revidiert die Zeit das Urteil, oder es entstehen Ideen zu Weiterentwicklungen und neuen Projekten. Auch der Prototyp zum Werk „Halt im Raum“ hing eine Weile einfach in einer Ecke – zufällig neben einer Kletterpflanze, die dringend eine Stütze benötigte. Ich dachte, eigentlich wäre es ganz praktisch, wenn die Ranke am Gewebe weiterwachsen könnte ... So entstand die Installation für die IGW-Ausstellung „Fliessende Grenzen“ (1999): In einem lichtdurchlässigen Doppelgewebe klettert eine Efeupflanze. Das Gewebe gibt ihr Halt, setzt aber auch Grenzen. Die Ranken suchen sich ihren Weg zurück in den freien Raum und brechen wo immer möglich durch die seitlichen Öffnungen aus. Doch hier fehlt die Stütze. Nur innerhalb der Gewebegrenzen kann die Pflanze wachsen. In der zweiten Stoffbahn der Installation „Halt im Raum“ steckt eine Glühbirne. Ihr Licht verbreitet sich im Raum. Erst das Licht macht die Grenze zwischen Gewebe und Raum deutlich und überwindet sie. Es flutet durch das transparente Gewebe und verbindet es mit der Umgebung. Die dritte Stoffbahn besteht aus einem steifen, unteren Teil und einer feineren oberen Hälfte. Das formbare Gewebe wurzelt im Boden und wächst in den Raum hinauf; der Moiré-Effekt lässt das Licht von unten nach oben fliessen und die Grenze zwischen fest und zart überwinden.




Ein Bach im Zimmerm
Für die Ausstellung „Fäden Farben Formen“ der IGW im Jahr 2002 entstand das Werk „Container Carpet“. Ein kompakter Teppich aus Nylon, Sisal und Tricotband wird in der Mitte durch ein Nylondoppelgewebe durchbrochen. Wie ein Bach fliesst der Streifen durch den Teppich. Dieses transparente Mittelteil erlaubt den Durchblick auf Sammelgut, das eingefüllt wurde – zum Beispiel Steine oder Rosen. Auch eine Petflasche oder ein altes Teesieb dürfen hier einmal neben Zweigen und Muscheln schwimmen. Den fluoreszierenden Faden, den ich am Anfang noch durch ihren Bach führte, liess ich später weg, er war nicht nötig. Der Blick auf das Strandgut genügte. Zu Beginn versuchte ich einer Arbeit alle Impulse und Ideen zuzulassen, und reduziert dann, bis ich die Aussage des Werks auf den Punkt gebracht habe. IIch suche immer das Einfache und Klare.



Licht im Sack
Ebenfalls 2002 fand die Ausstellung der Regionalgruppe Zürichsee zum Thema „13 x 13“ statt. Ich webte einen Stoff aus Nylon und Baumwolle, schnitt hundert Flächen von 13 x 13 cm und steckte je zwei auf ein Metallstäbchen. Sie ordnete diese Gestecke auf einer Platte von 130 x 130 cm aus der Mitte heraus von dunkel nach hell. Licht und Schatten verstärkten die feinen Kontraste, hauchten den Materialien und Zwischenräumen Leben ein und ergaben immer wieder neue Farben und Wirkungen.
Ein zweites Werk zum Thema besteht aus einem Wandbild und einer frei hängenden Skulptur. Die beiden Grundgewebe von 130 x 130 cm sind genau gleich gestaltet. Helle und dunkle Fäden malen Streifen auf den Stoff. Das eine wird unverändert als Quadrat aufgehängt. Die hellen Nylonstreifen drücken die dunklen wellenartig zusammen und erzielen eine dreidimensionale Wirkung. Das andere Tuch wird diagonal gefaltet und schwebend installiert. Es entsteht ein durchsichtiger, räumlicher Körper, die Streifen verdichten sich durch die Transparenz zum Karomuster. Die Sonne scheint auf das Gebilde und es ist, als hätte der Sack die Strahlen eingefangen.



Schattenwürfe und Rosengänge
Eines Abends spielte ich mit den Geweberesten der Installation „13 x 13“. Ich rückte eine Lampe heran und beobachtete die Schattenwirkung. Plötzlich entdeckte ich, dass ich diese verändern konnte: Hielt ich die Stoffstücke nahe ans Licht, war der Schattenwurf klar umrissen, ging ich weiter weg, verschwammen die Formen. Völlig fasziniert holte ich die Kamera und fing das Schauspiel in einer Fotoreihe ein. Die Bilder waren an der Ausstellung „Impuls“ 2005 in Meilen zu sehen.
So entsteht manchmal etwas Neues aus einer Spielerei. Oft weiss ichn nicht, wo ein Projekt begonnen hat. ich finde Ideen, experimentiere in verschiedene Richtungen, mache Prototypen. Meist erarbeite ich künstlerische Objekte. „Ich bin wohl unfähig, etwas Rechtes zu machen – zum Beispiel webe ich Küchentücher in Rosengang, aber die Materialien sind Nylon und Draht und das Ergebnis ist eine Skulptur an der Wand!“ In der Ausstellung „Impuls“ 2005 inszenierte ich diese Küchentücher als Hommage an alle Frauen, die sich in den letzten Jahrhunderten in der Küche abrackern mussten: Ich steckte in jedes Tuch eine Vase mit einer Rose.



Seit dem Herbst 2006 habe ich zusammen mit der Quilterin Irmgard Strebel-Diethelm ein Atelier in Männedorf am Zürichsee gemietet. In den Räumen der ehemaligen Chemap. In meinem grossen, hellen Raum fühle ich mich wohl. Hier steht der Arbeitstisch vor dem grossen Fenster und rund um die beiden Webstühlen gibt es viel Bewegungsfreiheit. Ein hohes Gestell mit unzähligen Kisten trennt als Raumteiler die Bereiche der beiden Textilgestalterinnen. Die Schachteln enthalten Webgarne, aus denen ich in der nächsten Zeit verschiedene Projekte verwirklichen will. Nicht jedes wird sich mit der Transparenz beschäftigen, doch wird diese sicher immer wieder ein Thema sein, das ich mit viel Schalk und Poesie in meine Werke einfliessen lasse.